12. Dezember 2025

Paneltalk bei der Informationsveranstaltung zum Oldenburger Wärmeplan am 2.12.2025. Alle Bilder auf dieser Seite: Jörg Hemmen

Warum Bürgerdialog kein Selbstzweck ist, sondern stategisches Entscheidungsinstrument

Text: Melanie Peschel, Stand 12.12.25

Anfang Dezember 2025 moderierte ich die erste von sieben Info- und Dialogveranstaltungen zum Oldenburger Wärmeplan. Ein Projekt, das mich sehr positiv stimmt, was die Energiewende betrifft: V.a. wegen der Klarheit des Zwecks, mit der die Stadt Oldenburg diesen Beteiligungsprozess aufsetzt. Denn: Dialog ist kein Selbstzweck. Dialog ist, wenn er richtig gemacht wird, ein strategisches Entscheidungsinstrument.

Eine Stadt mitten in ihrer Wärmewende

Oldenburg hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Klimaneutralität bis 2035. Die Wärmeversorgung ist dabei der zentrale Hebel. Über 93% der Gebäude werden derzeit mit Gas beheizt – eine auf fossilen Energieträgern gebaute Infrastruktur, die keine Zukunft hat. Der im November 2025 veröffentlichte Kommunale Wärmeplan zeigt auf, welche Heizsysteme in welchen Stadtteilen künftig sinnvoll sind: Wo lohnen sich Wärmenetze? Wo sind dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen die bessere Wahl? Und warum sind Wasserstoff oder Biomethan zum Heizen keine realistischen Optionen in Oldenburg?

Technisch ist vieles klar. Aber die entscheidende Frage lautet: Wie bringt man eine ganze Stadt dazu, diesen Transformationsprozess nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv mitzugestalten?

Unsicherheit blockiert Handlungsfähigkeit

Veränderung erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit blockiert Handlungsfähigkeit. Das zeigt sich in den Fragen, die mir bei Recherchen im Vorfeld der Veranstaltungen begegnen:

  • Muss ich jetzt sofort investieren?
  • Was kostet mich der Umstieg und was kostet es mich, wenn ich abwarte?
  • Welche Förderungen gibt es und wie lange noch warten?
  • Was, wenn die Politik morgen wieder alles ändert?
  • Ich bin 70 Jahre alt, warum soll ich noch investieren?

Das sind keine technischen Fragen. Das sind emotionale und existenzielle Fragen. Und sie zeigen: Ohne proaktive Kommunikation bleibt der beste Wärmeplan ein Papiertiger.

Wenn Dialog zur Grundlage für Transformation wird: 

Dialog mit klarem Zweck

Die Stadt Oldenburg hat deshalb eine umfassende Kommunikationsstrategie entwickelt, die unter dem Kernnarrativ steht:

„Mit dem Oldenburger Wärmeplan machen wir die Wärmewende konkret."

Das Ziel ist nicht, "irgendwie zu informieren". Das Ziel ist Handlungsfähigkeit.

Konkret heißt das:

  • Transparenz schaffen über technische Optionen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und rechtliche Verpflichtungen (bzw. Nicht-Verpflichtungen)  
  • Unsicherheiten proaktiv adressieren: Kosten, Fristen, Förderungen, aber auch politische Abhängigkeiten  
  • Orientierung für Investitionsentscheidungen bieten: keine individuelle Beratung, aber klare Hinweise, wo diese zu finden ist

Die Kommunikationsaktivitäten sind vielfältig

  • 7 Infoveranstaltungen (eine zentrale, fünf in den Stadtteilen, 1 x online)
  • Marktplätze der Möglichkeiten mit Handwerksinnung, Energieberatern, Netzbetreibern und Bürgern, die bereits umgestiegen sind und ihre Erfahrungen teilen
  • Offene Fragerunden mit Fachleuten aus Stadtplanung, Energietechnik und Fördermittelberatung
  • Online-Beteiligungsportal für alle, die lieber in Ruhe zu Hause nachdenken
  • Lebendige Fragen-Wände bei den Veranstaltungen, auf denen Bürger markieren können: Das ist für mich entscheidend

Aber, und das ist der entscheidende Punkt: All das ist kein Selbstzweck.

Der Beteiligungsbericht als qualitatives Entscheidungsinstrument

Alle Rückmeldungen aus den Veranstaltungen – jede Frage, jede Sorge, jeder Hinweis – fließen in einen Beteiligungsbericht. Dieses Dokument ist nicht einfach eine Dokumentation. Es ist ein qualitatives Entscheidungsinstrument für den Stadtrat.

Der Bericht enthält:

  • Einen detaillierten, ehrlichen Einblick in die Stimmungslage der Bürgerschaft
  • Eine systematische Erfassung der Sorgen, Wünsche und Bedarfe
  • Eine Verwertungshistorie, die transparent macht, wie die Rückmeldungen in politische Beschlüsse einfließen

Im April 2026 entscheidet der Rat der Stadt Oldenburg über die Umsetzung der Wärmewende. Und diese Entscheidung basiert nicht auf Annahmen, sondern auf den tatsächlichen Rückmeldungen der Bürgerschaft. Das ist der Unterschied zwischen Dialog als PR-Feigenblatt und Dialog als strategischem Instrument.

Warum das für Stakeholder-Management relevant ist

Als Strategieberaterin erhalte ich selten, aber doch schon das ein oder andere Mal, dass Bürgerbeteiligung als lästige Pflichtübung empfunden wird à la "Wir müssen halt eine Infoveranstaltung machen, weil's vorgeschrieben ist." Das Oldenburger Beispiel zeigt: Es geht auch anders. Dialog wird hier nicht als Bremse, sondern als Enabler verstanden. Die Stadt investiert in diesen Prozess, weil sie weiß: Ohne Akzeptanz und Handlungsfähigkeit der Bürgerschaft wird die Wärmewende nicht gelingen.

Die Kommunikationsstrategie dient dazu:

1. Ängste zu reduzieren (durch Transparenz und proaktive Adressierung von Unsicherheiten)

2. Handlungsfähigkeit zu erhöhen (durch Orientierung und Beratungshinweise)

3. Politische Entscheidungen zu fundieren (durch qualitative Rückmeldungen statt Bauchgefühl)

Das ist strategisches Stakeholder-Management in Reinform.

Moderation als Brückenbau

Meine Aufgabe als Moderatorin ist es, diesen Prozess so zu gestalten, dass:

  • Komplexität verständlich wird, ohne zu vereinfachen
  • Ängste adressiert werden, ohne zu verharmlosen
  • Handlungsfähigkeit entsteht, ohne zu drängen
  • Destruktive Dynamiken (z.B. durch politisch motivierte Störversuche) präventiv entschärft werden

Ich verstehe mich dabei nicht als neutrale Durchsagemaschine, sondern als Brückenbauerin: Zwischen Fachleuten und Bürgerschaft. Zwischen technischer Machbarkeit und emotionaler Realität. Zwischen politischer Notwendigkeit und individuellen Sorgen.

Das erfordert Empathie, aber auch Klarheit. Beides gehört zusammen. Was wir daraus lernen können? Das Oldenburger Beispiel zeigt: Wenn Dialog strategisch aufgesetzt ist, kann er Transformation beschleunigen statt bremsen.

Die Erfolgsfaktoren:

Klarer Zweck: Dialog nicht um des Dialogs Willen, sondern mit definiertem Ziel (Handlungsfähigkeit)  

Proaktive Kommunikation: Ängste und Unsicherheiten nicht ignorieren, sondern adressieren  

Transparenz über Verwertung: Bürger wissen, was mit ihren Rückmeldungen passiert  

Qualitatives Entscheidungsinstrument: Der Beteiligungsbericht wird zur Grundlage politischer Beschlüsse  

Vielfältige Formate: Nicht nur "Vortrag + Fragerunde", sondern Marktplätze, Online-Beteiligung, Stadtteil-Dialoge  

Und vor allem: Die Haltung macht den Unterschied. Die Stadt Oldenburg versteht diesen Dialog als Serviceleistung,  nicht als lästige Pflicht. Als Investition in die Akzeptanz und Umsetzbarkeit der Wärmewende.

Dialog ist Entscheidungsgrundlage

Wer komplexe Projekte voranbringen will – ob Wärmewende, Infrastrukturprojekte oder Cleantech-Entwicklungen –, muss zuhören. Aber nicht planlos. Sondern strategisch. Dialog ist kein Selbstzweck. Dialog ist, wenn er richtig gemacht wird, die Grundlage für sozialverträgliche, effektive Transformation. Ich bin gespannt, wie die Veranstaltungen laufen – und welche Fragen die Oldenburger Bürgerschaft stellen wird.

Eines ist klar: Sie werden gehört. Und ihre Rückmeldungen werden zählen.

Mehr Hintergrundinfos? Hier weitersurfen:

Besuche das Klimaportal der Stadt Oldenburg mit der Detailseite zur Wärmewende. Toll gemacht! Hier entlang.

Nur kühl ist coool. Die Agentur aus Stuttgart für die 1,5°-Wirtschaft begleitet Oldenburg in Sachen Kommunikation und Dialog seit vielen Jahren. Tracemaker ist neben coool in Oldenburg seit 2025 mit dabei.


FAQ über Stakeholder-Dialoge im Kontext Energie, Klima, Nachhaltigkeit

Warum sind Stakeholder-Dialoge so wichtig?

Weil Transformation ohne Beteiligung zum Papiertiger wird. Gerade im Klima- und Energiebereich betreffen Entscheidungen viele Menschen direkt - von Kommunalpolitik bis Bürgerinitiative, von Energiekonzern bis NGO. Stakeholder-Dialoge schaffen Verständnis, Vertrauen und Akzeptanz. Sie sind der Schlüssel, um aus Pflicht Kommunikation und aus Kommunikation Veränderung zu machen. Kurz: Wer Stakeholder übersieht, verpasst die Chance auf echten Fortschritt.

Welche Methoden eignen sich besonders gut für Stakeholder-Dialoge im Energiebereich?

Neben klassischen Formaten wie Workshops und Bürgerveranstaltungen sind heute interaktive Formate gefragt: Barcamps, Open Space, Gamification-Elemente wie das Spiel „Keep Cool“ oder das „Klimapuzzle“. Auch Storytelling-Ansätze - etwa bei Science Slams oder in Podiumsgesprächen – wirken Wunder, um komplexe Themen verständlich und emotional anschlussfähig zu machen. Wichtig ist: Das Format muss zur Zielgruppe passen – und Spaß darf’s auch machen.

Was sind häufige Fehler bei Stakeholder-Dialogen und wie vermeidet man sie?

Top-Fehlerliste gefällig? Unklare Kommunikation, zu spätes Einbinden, fehlende Relevanz für die Teilnehmenden und, Klassiker, schlecht vorbereitete Moderation. Unser Tipp: Strategische Planung mit Stakeholder-Mapping, gutem Erwartungsmanagement und der richtigen Portion Empathie. Und ja, auch mal üben, mit Gegenwind umzugehen. Beteiligung ist kein Selbstläufer - aber mit Vorbereitung läuft sie besser.

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